Abzocke 2.0? Was bringen Competence-Site, BrainGuide und Co?

Parallelität der Ereignisse: Ende Mai erhielt ich eine Einladung, mich kostenlos bei der Competence Site als Experte anzumelden. Anfang Juni kam die Rechnung für mein BrainGuide-Eintrag. Zwei Tage später erhielt ich eine Leser-Mail zum Thema Querdenker-Club und zu den Gebühren, die man jenem Leser für seine Mitgliedschaft zu berechnen gedachte. Letzteres irritierte mich ein wenig. Denn mein Erstkontakt zum Querdenker-Club liegt knapp zwei Jahre zurück und basierte auf einer Einladung, dem Xing-Ableger dieses Clubs beizutreten – kostenlos, versteht sich.

Heute kostet eine Basis– (Pardon, Herr Ehrl) Standard-Mitgliedschaft im Club selbst, nicht beim Xing-Ableger, 24,– € p.a (ab da kann man sein „ausführliches” Profil einstellen). Wer will, kann aber als Premium-Mitglied auch entspannte 600,– Eurolinchen pro Jahr investieren, steht dann immer schön vor den Basic- und Standard-Mitgliedern und erhält obendrein, neben dem Prädikat „Querdenker“, auch noch das gleichnamige Magazin sowie 18 % Neuwagenrabatt bei Mercedes, BMW und anderen (Opel 24 %).

Weder die Rabatt, noch die sonstigen Themen erschließen sich mir spontan – immer noch nicht. Aber das scheint die 72.928 Mitglieder des Xing-Ablegers (7.6.2010, 15:00 Uhr) bzw. 150.000 Mitglieder und Freunde der Querdenker-Community nicht weiter zu stören. Vielleicht liegt´s am relativ aufgeräumten Layout, dass sich eindeutig von den zwei folgenden Angeboten differenziert.

Die Competence Site sagt von sich, dass sich hier mehr als 5.000 Experten aus Wissenschaft und Praxis einbringen. Und ich gebe zu: Das hat mich neugierig gemacht. So neugierig, dass ich vor einigen Tagen ein sehr nettes Telefonat mit einem der NetSkill-Vorstände geführt habe (der, der mich „persönlich” eingeladen hatte).

Sein Hauptargument, mich kostenlos als Experte registrieren zu lassen, war die besonders gute Auffindbarkeit in Suchmaschinen – was ja bekanntermaßen auch mit Bloggen funktioniert. Auf Layout und Benutzerfreundlichkeit angesprochen, gab er zu, dass sich da noch allerhand ändern müsse/werde. Unerwähnt ließ er hingegen, dass ein so genannter „Gold-Eintrag“ 420,– € p.a. kostet. Bedauerlich, denn leider macht erst der wirklich Sinn. Kostenlos sind nämlich nur die „…Basis-Kontaktdaten und Angaben zu Kernkompetenzen mit Kurzprofil, jedoch ohne Logo, ohne weitere Anhänge und ohne weitere Informationen wie Unternehmensbeschreibung, Referenzkunden, weitere Unternehmensinformationen …“.

Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mir garantiert den anschließenden Anmeldetest für´s Competence Center Marketing erspart. Nicht zuletzt, weil das nur mit massiver Unterstützung der hilfsbereiten aber latent leidgeplagten Mitarbeiter gelang. Das optische Ergebnis meiner Bemühungen – nach diversen Eingriffen des CS-Teams – lässt sich hier bewundern. Für wirklich lesbar halte ich das nicht.

Noch weniger inspirierend fand ich den Competence Report, der wohl Woche für Woche ein Kessel Buntes aufmacht: ohne übergreifenden Blickwinkel, ohne redaktionellen Sinn und ohne auch nur eine Spur an den Leser zu denken. Da ist mir der BrainGuide-Newsletter, der Gott sei´s gedankt nur alle paar Wochen verschickt wird, schon deutlich lieber. Der beschränkt sich nämlich auf ein bisschen Statistik und quält den Rezipienten nicht mit wirrem Content-Overkill.

BrainGuide sind die, die uns „zum Wissen der klügsten Köpfe führen”. Diese Experten-Plattform weist ca. 11.500 Mitglieder aus und ziert mit seinem hübschen Logo auch meine Homepage — für schlappe 180,- Eurolinchen p. a. plus MwSt. und ohne jeden Effekt. Ähnlich der Competence Site liest man auch hier mal einige der Inhalte an und verliert dann nach längstens 15 Minuten der Selbstkasteiung die Lust an den Zweitverwertungen führender Großhirne.

Mein Gesamteindruck lautet für beide Portale: ALT, sehr alt.

Nicht zuletzt ob der folgenden Kleinigkeiten:

  • Inhalte bei Competence Site und BrainGuide einzustellen, erfordert jede Menge Geduld (nicht nur ob der redaktionellen Prüfung) und diese selbst wieder zu löschen, geht gar nicht. Dazu muss man extra bei CS anrufen, was mich – kostenlos hin oder her – dazu bringt, dass ich nach dem Upload offensichtlich nicht mehr Herr meiner eigenen Inhalte bin.
  • Eigene Beiträge lassen sich nicht mit Schlagworten / Tags versehen, was nicht grade der Findbarkeit dient.
  • Downloads funktionieren nur mit Anmeldung.
  • Eine Kommentarfunktion zu den Expertenbeiträgen fehlen.
  • Share-Buttons verschwinden schamhaft am untersten Ende all der Seiten, auf denen nach langem hin und her auch tatsächlich Inhalte zu finden sind.
  • Präzise Suchanfragen zu bestimmten Themen erfordern den zwangsweisen Umgang mit kryptischen Popup-Menüs – mit dem frustrierenden Effekt, dass man letztendlich doch nichts Neues findet.
  • Beide Seiten wirken, als wären sie komplett vom Datenbank-Administrator konzipiert (der bei BrainGuide hat allerdings mal einen VHS-Kurs in Webdesign besucht).
  • Die vermutlich/angeblich tollen Contents der vielen Experten sind komplett weg gestaltet. Oder will wirklich jemand dies oder das lesen?

Aber lassen wir mal all diese banalen, überkritischen und offensichtlichen Unzulänglichkeiten außen vor. Denn die sind mit etwas gutem Willen, genügend Stimulanzien (legale, versteht sich) für die übermächtigen IT-Chef-Bedenkenträger und einer ordentlichen Portion Mut ohne Zweifel zu ändern.

Wenden wir uns also den eigentlichen Fragen zu:

  • Wer nutzt Competence-Site, BrainGuide und Konsorten ernsthaft für Recherchen?
  • Wer hat positive Erfahrungen gesammelt – mit seinem eigenen Profil oder mit Content, den es anderswo nicht gibt?
  • Kann man mit diesem Feel & Look und dieser Auffassung wirklich neue / frische Experten und Digital Natives gewinnen?
  • Oder schmeicheln solche und ähnliche Angebote vor allem der (verkannten?) Querdenker- oder Experten-Seele? Was ja durchaus eine geldwerte Leistung ist.

Kurzum: Welche Erfahrungen habt ihr mit Angeboten gemacht, die einen zum „Experten”, zum „Querdenker”, zum „Was-auch-immer” adeln?

  1. Ich halte diese „Clubs“ und ihre Plattformen für Maßnahmen, die der eigenen Querdenkerseele zu schmeicheln – ganz so, wie Du es gesagt hast. Ansonsten stehlen sie Zeit und Geld, und das zugegebenermaßen recht effizient.
    Beste Grüße
    Markus

    • Rene
    • 28. Juni 2010

    Amen! Clubs für Profilneurotiker. Mich wundert allerdings das eine Seite wie die Competence-Site immernoch überleben kann…

  2. @ Rene (mit urlaubsbedingtem Timelag ;-)

    Ich glaube, eine Erklärung liefert Peter Kruses Vortrag auf der re:publica (http://snipurl.com/z0gya )
    Demzufolge gibt es erhebliche Unterschiede in der Bewertung von „Offenheit, Kreativität und Austausch“ im bzw. via Web 2.0. Gut die Hälfte alle befragten Heavy-User empfindet diese Offenheit als bedrohlich. Und genau diese Klientel wird geschlossene Plattformen präferieren.

  3. Beim QUERDENKER-Club ist die BASIC-Mitgliedschafr kostenfrei. STANDARD kostet 2€ im Monat …

  4. Hallo Herr Ehrl,

    hiermit von Basis auf Standard geändert ;-)

  5. Tja, ist ja nun mal schon ein wenig her, deswegen hat sich der Querdenker Club wahrscheinlich auch von 2 auf 5 Euro pro Monat verteuert. Wichtiger allerdings die Frage: Was hats gebracht? Über eine gelegentliche Rückmeldung freue ich mich schon jetzt :-)

  6. Ich hab auch so meine Erfahrungen mit dem Querdenker Club gemacht. Hier mein Erlebnisbericht: http://meetshaus.de/blog/querdenker-club-oder-wie-sollte-man-ein-soziales-netzwerk-nicht-betreiben

    • Jau, passt irgendwie ;-)

  7. Nicht zu vergessen: Es gibt wieder ein tolles Siegel für die Webseite. Alle zusammen gerechnet, bekomme ich da dann einen bunten Haufen toller Expertensiegel, die mich im Jahr schnell 2000 Euro kosten.
    Lieschen Müller beeindruckt das sicherlich, doch bleibt die Frage, ob Lieschen Müller einen Beitrag zur Begleichung obiger Rechnung beitragen kann. Der Personaler von Heute ist viel kritischer beim Einkauf als noch vor 20 Jahren. Der lässt sich nicht mehr so leicht von selbstgedruckten Siegeln und Mastertrainerernennungen beeindrucken.

    • Hallo Mike,
      sind Personaler wirklich anspruchsvoller geworden?
      Wenn man die gestrige Satire von Matthias Nöllke im Spiegel liest, gewinnt man nicht unbedingt den Eindruck ;-))

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